{"id":420,"date":"2019-07-12T11:02:52","date_gmt":"2019-07-12T09:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/?p=420"},"modified":"2019-07-14T16:04:16","modified_gmt":"2019-07-14T14:04:16","slug":"ein-tisch-ist-ein-tisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/?p=420","title":{"rendered":"Ein Tisch ist ein Tisch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44.jpg\" class=\"highslide-image\" onclick=\"return hs.expand(this);\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-425\" src=\"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44.jpg\" alt=\"\" width=\"1440\" height=\"1440\" srcset=\"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44.jpg 1440w, https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/1faae58aab5982e22dd126ca4f05cc92b2bb9d44-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1440px) 100vw, 1440px\" \/><\/a>Ich will von einem alten Mann erz\u00e4hlen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein m\u00fcdes Gesicht hat, zu m\u00fcd zum L\u00e4cheln und zu m\u00fcd, um b\u00f6se zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Stra\u00dfe oder nahe der Kreuzung. Es lohnt sich fast nicht, ihn zu beschreiben, <!--more-->kaum etwas unterscheidet ihn von anderen. Er tr\u00e4gt einen grauen Hut, graue Hosen, einen grauen Rock und im Winter den langen grauen Mantel, und er hat einen d\u00fcnnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die wei\u00dfen Hemdkragen sind ihm viel zu weit. Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet und hatte Kinder, vielleicht wohnte er fr\u00fcher in einer andern Stadt. Bestimmt war er einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>In seinem Zimmer sind zwei St\u00fchle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der Wand h\u00e4ngen ein Spiegel und ein Bild.<\/p>\n<p>Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends sa\u00df er an seinem Tisch. Das \u00e4nderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch sa\u00df, h\u00f6rte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken. Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu hei\u00df, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten &#8211; und das besondere war, dass das alles dem Mann pl\u00f6tzlich gefiel.<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelte. \u201eJetzt wird sich alles \u00e4ndern\u201c, dachte er. Er \u00f6ffnete den obersten Hemdknopf, nahm den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den Knien und freute sich. Er kam in seine Stra\u00dfe, nickte den Kindern zu, ging vor sein Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schl\u00fcssel aus der Tasche und schloss sein Zimmer auf.<\/p>\n<p>Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei St\u00fchle, ein Bett. Und wie er sicht hinsetzte, h\u00f6rte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts hatte sich ge\u00e4ndert. Und den Mann \u00fcberkam eine gro\u00dfe Wut. Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff; dann verkrampfte er seine H\u00e4nde zu F\u00e4usten, hob sie und schlug mit ihnen auf die Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er auf den Tisch zu trommeln und schrie dazu immer wieder: \u201eEs muss sich etwas \u00e4ndern.\u201c Und er h\u00f6rte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine H\u00e4nde zu schmerzen, seine Stimme versagte, dann h\u00f6rte er den Wecker wieder, und nichts \u00e4nderte sich.<\/p>\n<p>\u201eImmer derselbe Tisch\u201c, sagte der Mann, \u201edieselben St\u00fchle, das Bett, das Bild. Und zu dem Tisch sage ich Tisch, zu dem Bild sage ich Bild, das Bett hei\u00dft Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?\u201c Die Franzosen sagen zu dem Bett \u201eli\u201c , zu dem Tisch \u201etabl\u201c, nennen das Bild \u201etablo\u201c und den Stuhl \u201esch\u00e4s\u201c, und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch. \u201eWarum hei\u00dft das Bett nicht Bild\u201c, dachte der Mann und l\u00e4chelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und \u201eRuhe\u201c riefen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-427\" src=\"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/tisch-ist-tisch.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/tisch-ist-tisch.png 600w, https:\/\/www.thurnhuber.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/tisch-ist-tisch-300x213.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>\u201eJetzt \u00e4ndert es sich\u201c, rief er, und er sagte von nun an zu dem Bett \u201eBild\u201c. \u201eIch bin m\u00fcde, ich will ins Bild\u201c, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und \u00fcberlegte, wie er nun zu dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl \u201eWecker\u201c. Hie und da tr\u00e4umte er schon in der neuen Sprache, und dann \u00fcbersetzte er die Lieder aus seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin. Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und st\u00fctzte die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hie\u00df jetzt nicht mehr Tisch, er hie\u00df jetzt Teppich.<\/p>\n<p>Am Morgen verlie\u00df also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich an den Teppich auf den Wecker und \u00fcberlegte, zu wem er wie sagen k\u00f6nnte. Zu dem Bett sagte er Bild. Zu dem Tisch sagte er Teppich. Zu dem Stuhl sagte er Wecker.Zu der Zeitung sagte er Bett. Zu dem Spiegel sagte er Stuhl. Zu dem Wecker sagte er Fotoalbum. Zu dem Schrank sagte er Zeitung. Zu dem Teppich sagte er Schrank. Zu dem Bild sagte er Tisch. Und zu dem Fotoalbum sagte er Spiegel. Also: Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun l\u00e4utete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an den F\u00fc\u00dfen fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich, und bl\u00e4tterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.<\/p>\n<p>Der Mann fand das lustig, und er \u00fcbte den ganzen Tag und pr\u00e4gte sich die neuen W\u00f6rter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein Fu\u00df, und der Fu\u00df war ein Morgen und der Morgen ein Mann. Jetzt k\u00f6nnt ihr die Geschichte selbst weiter schreiben. Und dann k\u00f6nnt ihr, so wie es der Mann machte, auch die andern W\u00f6rter austauschen: l\u00e4uten hei\u00dft stellen, frieren hei\u00dft schauen, liegen hei\u00dft l\u00e4uten, stehen hei\u00dft frieren, stellen hei\u00dft bl\u00e4ttern. So dass es dann hei\u00dft: Am Mann blieb der alte Fu\u00df lange im Bild l\u00e4uten, um neun stellte das Fotoalbum, der Fu\u00df fror auf und bl\u00e4tterte sich aus dem Schrank, damit er nicht an den Morgen schaute. Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen W\u00f6rtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Stra\u00dfe. Dann lernte er f\u00fcr alle Dinge die neuen Bezeichnungen und verga\u00df dabei mehr und mehr die richtigen.<\/p>\n<p>Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein geh\u00f6rte. Aber bald fiel ihm auch das \u00dcbersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast vergessen, und er musste die richtigen W\u00f6rter in seinen blauen Heften suchen. Und es machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er musste lange nachdenken, wie die Leute zu den Dingen sagen. Zu seinem Bild sagen die Leute Bett. Zu seinem Teppich sagen die Leute Tisch. Zu seinem Wecker sagen die Leute Stuhl. Zu seinem Bett sagen die Leute Zeitung. Zu seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel. Zu seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker. Zu seiner Zeitung sagen die Leute Schrank. Zu seinem Schrank sagen die Leute Teppich. Zu seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum. Zu seinem Tisch sagen die Leute Bild. Und es kam soweit, dass der Mann lachen musste, wenn er die Leute reden h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Er musste lachen, wenn er h\u00f6rte, wie jemand sagte: \u201eGehen Sie morgen auch zum Fu\u00dfballspiel?\u201c Oder wenn jemand sagte: \u201eJetzt regnet es schon zwei Monate lang.\u201c Oder wenn jemand sagte. \u201eIch habe einen Onkel in Amerika.\u201c Er musste lachen, weil er all das nicht verstand. Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und h\u00f6rt traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm.<\/p>\n<p>Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, gr\u00fc\u00dfte nicht einmal mehr.<\/p>\n<p>(Peter Bichsel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will von einem alten Mann erz\u00e4hlen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein m\u00fcdes Gesicht hat, zu m\u00fcd zum L\u00e4cheln und zu m\u00fcd, um b\u00f6se zu sein. Er wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Stra\u00dfe oder nahe der Kreuzung. 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